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Stararchitekten entdecken die Provinz

Daniel Libeskind baut die Empfangshalle von Rheinzink in Datteln.

Frankfurter Allgemeine Zeitung - 6. Juni 2009

Zwei Mittelständler aus Nordrhein-Westfalen zeigen sich offen für die Ideen prominenter Baumeister. Die Mannschaft von Norman Foster erstellt in Wuppertal einen energieeffizienten Industrieneubau. Daniel Libeskind baut die Empfangshalle von Rheinzink in Datteln.

Von Miriam Beul

Die Stadt Wuppertal ist jenseits des Ruhrgebiets vor allem für ihre Schwebebahn bekannt. Das soll sich aber in den nächsten Monaten ändern. Der britische Stararchitekt Norman Foster und seine Mannschaft von Foster & Partners sorgen derzeit dafür, dass der mittelständische Maschienenbauer Putsch eine noble Hochtechnologie-Immobilie bekommt. Schon im kommenden Jahr sollen erste Abschnitte des neuen Produktions- und Verwaltungsstandortes betriebsbereit sein.
Foster-Architekt vor Ort ist Reinhard Joecks aus Köln, der seit 15 Jahren für den Lord arbeitet und neben dem Wuppertaler Prunkstück diverse Neubauprojekte in Westdeutschland – so unter anderem in Duisburg – betreut. „Wir planen einen Mischkomplex aus Industrie, Lager- und Bürogebäude. Es wird aber keine räumliche Trennung zwischen Büroangestellten und Arbeitern geben; alles findet unter einem Dach statt“, beschreibt er das Besondere am neuen Firmensitz von Putsch.
Von außen gleicht der längliche und von schräg angeschnittenen Hoesch-Bogendächern überspannte Baukörper einer dreigliedrigen Raupe. Doch oberflächlich betrachtet ist kein typisches Foster-Merkmal erkennbar. „Einen typischen Foster-Stil gibt es im Grunde nicht“, sagt Joecks, „wohl aber eine Foster-Methode.“ Und die besteht im Falle Putsch darin, einen effizienten und Ressourcen schonenden Korpus für sehr unterschiedliche Produktionsabläufe sowie die Firmenverwaltung zu schaffen.
Das Unternehmen baut Spezialmaschienen für die Zucker- und Glasindustrie, ist außerdem im Bereich der Flüssigkeitstrennung tätig. Auf den 18 000 Quadratmetern Hallenfläche und 7000 Quadratmetern Bürofläche sollen die verschiedenen Arbeitsgänge nun so stattfinden, dass sich die Beschäftigen möglichst nur im positiven Sinne in die Quere kommen und nicht bei ihrer Arbeit gegenseitig behindern. Alles soll Hand in Hand gehen: montieren, bearbeiten, produzieren, versenden. „Wir planen Gebäude für die Nutzer stets von innen nach außen, weil wie die Abläufe analysieren und beim Entwurf berücksichtigen – das überrascht unsere Kunden manchmal“, sagt Joecks. „Viele glauben, wenn wir Hand anlegen, kommen immer wilde Formen dabei heraus. Außerdem leiden wir unter dem Vorurteil, dass wir zu teuer sind. In Wirklichkeit verstehen wir es sehr gut, eine hohe Qualität auch mit knappen Budget zu erreichen.“
Foster & Partners haben Erfahrung mit Industriebauten. Westlich von London entstand vor 24 Jahren eine Renault-Fabrik. 2004 wurden die neuen Werkstätten von McLaren Mercedes 50 Kilometer südwestlich von London fertiggestellt.

Der Foster-Architekt beschreibt es als die Stärke seines Hauses, auf die Bauherren und ihre Wünsche einzugehen: „Wir begreifen uns als Ingenieure, nicht als Künstler. Wir schaffen Lösungen und spielen zusammen mit den Auftraggebern immer viele verschiedene Szenarien durch.“
So auch Wuppertal: Schon das Grundstück an der Nächstebrecker Straße birgt einige Tücken. Es gilt eine Höhendifferenz von 15 Metern auszugleichen. Zudem schlummern im Baugrund Felsen und Hohlräume. Die Architekten haben sich aber beides zunutze gemacht und setzen Geothermie zur Energiegewinnung ein. „Wir müssen die Gebäude ohnehin auf Pfählen gründen. Und da wir dazu bohren müssen, bringen wir die Schläuche gleich mit ins Erdreich ein“, beschreibt Joecks das Vorgehen. Auf diese Weise lässt sich Wärme aus dem Fels speichern. Die Gebäude können so im Sommer abkühlen und im Winter erwärmt werden. „In den Hallen werden die Mitarbeiter die Wärmewirkung einer Fußbodenheizung spüren“, sagt der Architekt.
Für den Putsch-Neubau ist darüber hinaus eine Regenwasser-Zisterne geplant. Das Wasser von insgesamt 20 000 Quadratmetern Dachfläche wird gesammelt und in einen eigenen Teich geleitet. Überschüssiges Wasser soll über eine durchlässige Uferzone ins Grundwasser eingespeist werden. Auch Solarthermie kommt zum Einsatz. Alles in allem soll der Wuppertaler Neubau eine Primärenergieeinsparung gegenüber herkömmlichen Gebäuden von 35 Prozent bringen.
„Für Foster & Partners sind wir sicherlich eine harte Nuss“, räumt Putsch-Geschäftsführer Carl Christian Radinger ein. Wenn ein Familienunternehmen baue, komme es vor, dass der Chef sich um jeden Quadratmeter selbst kümmere. An die große Glocke hängen möchte er den prominenten Namen seines Architekten eigentlich nicht. Als mittelständischer Unternehmer fürchtet er Missverständnisse, nach dem Motto: „Mitten in der Krise setzt sich Putsch einen Palast in die Landschaft. Die haben wohl zu viel Geld.“ In Wirklichkeit mache der Neubau Wachstum erst möglich, und hocheffizient sei er obendrein.
Rund 60 Kilometer von Wuppertal entfernt, am nördlichen Rand des Ruhrgebiets, beschäftigt ein weiteres mittelständisches Unternehmen aus Nordrhein-Westfalen einen prominenten Baumeister. Der Zinkhersteller Rheinzink GmbH & Co. KG lässt sich seine neue Empfangshalle vom amerikanischen Architekten Daniel Libeskind gestalten. Neben der typisch kantigen Libeskind-Optik – in Deutschland vor allem bekannt durch das Jüdische Museum in Berlin und den Entwurf für den Neubau Kö-Bogen in Düsseldorf – fällt das Gebäude vor allem durch eine nachhaltige und energieeffiziente Bauweise auf.
Die Verbindung zwischen dem Stararchitekten und dem Dattelner Zinkhersteller besteht schon länger. Rheinzink lieferte viel Material für die Bauten von Libeskind. „Titanzink sieht wunderbar aus, es lebt und besticht durch seinen geringen Kohlendioxid-Wert“, preist Rheinzink-Geschäftsführer Ullrich Grillo die Qualitäten für Dach- und Fassadenbauten. In Datteln entsteht der Prototyp der sogenannten „Libeskind-Villa“, eine Art Luxus-Fertighaus, das der Architekt in Serie produzieren will. Rheinzink wird das Designhaus als Entrée und Besprechungsraum nutzen. Im September soll die Einweihung stattfinden.

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